Krähkästchen · Juli 2026

In jeder Hinsicht ausgeliefert

Moderne Sklavenarbeit bei Lieferdiensten

#02 El Niño · Read in English

Seit über 11 Jahren fahre ich Sendungen durch Berlin. Heute in unserer Kooperative, aber zwischen 2015 und 2019 habe ich auch Essen für Deliveroo ausgefahren. Ich kenne die Facetten dieses Jobs, und ich weiß wie es sich anfühlt, wenn die App einen taktet, und die Schritte kontrolliert werden. Aber ich sehe auch, dass sich in den letzten Jahren einiges verändert hat.

Wo sich damals Menschen von wirklich überall aufhielten und Pause machten, sehe ich heute viele junge Männer aus Südasien. Sie tragen die gleichen würfelförmigen Rucksäcke wie wir damals, sie haben den gleichen Job, das gleiche Wetter, die gleichen roten Ampeln. Aber ist es wirklich so gleich? Nein, denn ihre Situation ist fundamental anders als es meine war.

Viele von ihnen studieren, das ist inzwischen gut dokumentiert, an teils ominösen Privatunis. Einrichtungen, die mitunter ca. 12.000 € Jahresgebühren verlangen und für die sich die Studierenden noch in ihrem Heimatland verschuldet haben. Das Visum für die Einreise wiederum ist an die Einschreibung gekoppelt: wer also den Studienplatz verliert, verliert auch den Aufenthaltsstatus und damit alles. Es bleiben nur die Schulden und das Aus eines versprochenen Traums.

Hier hängen sich Plattformlieferdienste wie Wolt, Uber Eats & Co. wie Blutegel an das Konzept, um günstige Arbeitskräfte zu gewinnen, jenseits von Gewerkschaften und ohne eigene Lobby. Tausende südasiatische Studierende arbeiten in Berlin, Hamburg und anderen größeren Städten für sie. Die Plattformen beschäftigen sie dabei selten direkt; das erledigen Subunternehmer, manchmal zwei oder drei Ebenen tief, teils versteckt hinter Briefkastenfirmen. Es werden Löhne einbehalten, bar bezahlt oder an Bedingungen geknüpft, die mit Arbeitsrechten nicht vereinbar sind. Wer sich beschwert, fliegt, und ein Arbeitsrechtsstreit mit unsicherem Aufenthaltsstatus ist kein Kampf auf Augenhöhe, dessen sind sich alle Beteiligten natürlich bewusst.

Die Prekarität war real, als ich noch für Deliveroo fuhr. Kein festes Gehalt, kein Krankengeld, ständiger Druck. Der Unterschied war jedoch, dass ich hätte kündigen können. Und ich konnte auch auf die Straße gehen, streiken und sogar erfolgreich klagen, ohne zu riskieren, das Land verlassen zu müssen. Diesen Spielraum haben die meisten der Lieferfahrer*innen unter der Ägide von Plattformen heute de facto nicht. Ihr Visum sitzt mit ihnen auf dem Rad.

»Moderne Sklavenarbeit« wird dieses Prinzip sogar in wissenschaftlichen Untersuchungen mittlerweile genannt und zeigt auch: das ist keine Nische. Das ist Methode.

Quellen: PAM-Report zu Wolt-Kurier·innen · RTL Luxembourg zu Wolt-Verhandlungen · The Left Berlin zu Wolt-Riders · rbb/NDR-Doku "Ausgeliefert!" · taz zu indischen Studierenden · Sozialismus von unten: "Moderne Sklaverei" · Tagesspiegel zu Visa-Ausweisungen