Krähkästchen · Juli 2025

Klimatischer Egoismus?

Resümee einer Lektüre

#38 Huile Smith · Read in English

»Den Klimawandel bemerken wir nicht, indem uns plötzlich etwas auf den Kopf fällt.« Was der Forscher Albert Moukheiber damit meint, ist, dass unser Gehirn auf unmittelbare Reaktion programmiert ist und sich schwer tut, mit unsichtbaren und verzögerten Bedrohungen umzugehen.

Hinzu kommt, dass wir unbewusst Informationen auswählen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen. Das erklärt, warum sogar sensibilisierte Menschen Verhaltensweisen beibehalten, die im Widerspruch zu ihren Überzeugungen stehen. Der Schlüssel liegt im Verständnis dieser Mechanismen, und die Analyse eines Verhaltens sollte in Bestandteilen erfolgen: Vorprägung, direkte Umgebung und materielle Bedingungen. Und den Fokus justieren, denn die Gründe für einen Autounfall über die Karosserie zu analysieren, macht nur bedingt Sinn, aber auf den Ort des Unfalls zu schauen, ist immer relevant.

In seinem neuesten Werk »Neuromania« zerlegt Moukheiber die vorgefassten Meinungen über unser Gehirn angesichts der ökologischen Herausforderungen und enthüllt, wie die Funktion des Gehirns manchmal als Ausrede für Klimapassivität dient. Die Neurowissenschaften werden zudem oft instrumentalisiert, um schädliches Verhalten zu rechtfertigen.

Das Buch bietet eine Kritik der »Neuromythen«, die den ökologischen Übergang behindern. Albert Moukheiber zeigt, dass unser Gehirn viel plastischer und anpassungsfähiger ist, als in Diskursen behauptet. Dies eröffnet Perspektiven für ökologisches Engagement und hebt die Bedeutung der materiellen Bedingungen in der Umwelt hervor: Wenn zum Beispiel die Menschen weiterhin in großen Mengen Fleisch konsumieren, liegt das auch daran, dass es überall zu haben ist.

Und es gibt eine mediale und politische Tendenz, das individuelle Handeln als erste Ebene der Bekämpfung des Klimawandels zu stilisieren, obwohl es sich um ein durch und durch systemisches Problem handelt.

Wandel muss auf der Ebene von Politik und der Institutionen erfolgen. Und den Einzelnen zu beschuldigen, nicht in seinem eigenen Ausmaß aktiv zu sein, ist eine Form von Egoismus.

Fahrradkurierin Huile Smith #38 gehört zu CROW Courier, die Lieferautos durch Lastenräder ersetzen und damit zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beitragen. Der autofreie Berliner Kurierdienst fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise. Infos unter crowberlin.de